Verhaltensverlaufsdiagnostik in der Schule
Verlaufsdiagnostik beantwortet eine praktische Frage: Hilft die Förderung, die wir gerade umsetzen, oder müssen wir etwas ändern?
Was Verlaufsdiagnostik ist
Ein einzelner Eindruck beschreibt einen Moment. Verlaufsdiagnostik sammelt viele kurze, vergleichbare Messungen desselben Verhaltens und macht daraus eine Kurve. An ihr lässt sich ablesen, ob sich etwas verändert, seit eine Förderung begonnen hat.
Im Bereich Verhalten geschieht das meist mit Direct Behavior Rating (DBR): Die Lehrkraft bewertet nach einer Unterrichtsphase auf einer Skala, wie stark ein vorher festgelegtes Verhalten auftrat. Das dauert Sekunden und ist deshalb täglich machbar (Chafouleas, 2011; Huber & Rietz, 2015). Wie das genau funktioniert, steht unter Direct Behavior Rating einfach erklärt.
Wofür sie gebraucht wird
In gestuften Fördermodellen wie Response to Intervention (RTI) oder Multi-Tiered System of Supports (MTSS) erhalten Kinder je nach Bedarf mehr oder intensivere Unterstützung. Ob die Unterstützung ausreicht, wird dort nicht geschätzt, sondern am Verlauf geprüft (Huber & Grosche, 2012). Diagnostik soll in diesem Verständnis kein Kind einordnen, sondern zeigen, ob die Förderung ankommt (Huber & Rietz, 2015).
Typische Fragen:
- Stört Mia seltener, seit sie einen festen Sitzplatz mit Rückzugsmöglichkeit hat?
- Arbeitet Jonas in der Stillarbeit länger mit, seit es einen visuellen Ablaufplan gibt?
- Reicht die Förderung in der Kleingruppe, oder braucht es mehr?
Der Ablauf in fünf Schritten
- Frage und Erfolgskriterium festlegen. Was soll sich verändern, und ab wann wären wir zufrieden? (Förderwirkung dokumentieren)
- Zielverhalten formulieren und Skala wählen. (Zielverhalten formulieren)
- Baseline erheben. Vor Beginn der Maßnahme mindestens drei, besser fünf Werte sammeln. (Baseline und Förderphase)
- Förderung starten und gleich weiter messen. Gleiche Person, gleiche Situation, gleiche Skala. (Beobachtung planen)
- Zum vereinbarten Termin entscheiden. Beibehalten, anpassen, beenden oder zuerst die Messung verbessern.
Ein Beispiel
Leon (2. Klasse) ruft in Stillarbeitsphasen oft in die Klasse. Seine Klassenlehrerin bewertet nach jeder Stillarbeit, wie viel der Zeit er störte (0 = nie, 10 = die ganze Zeit). In zwei Wochen Baseline liegen die Werte meist zwischen 6 und 8.
Dann führt das Team einen Tagesbeurteilungsbogen mit kurzer Rückmeldung am Stundenende ein. Diese Maßnahme hat sich in einer Studie an einer deutschen Grundschule als wirksam erwiesen (Nitz et al., 2024). Nach drei Wochen liegen Leons Werte überwiegend bei 2 bis 4, mit zwei Ausreißern an Vertretungstagen. Das Team behält die Maßnahme bei und schaut nach drei weiteren Wochen erneut. (Fiktives Beispiel.)
Was Verlaufsdiagnostik nicht leistet
- Keine Diagnose. Ein Verlauf sagt nichts darüber, ob eine Störung vorliegt oder warum ein Verhalten auftritt. Dafür braucht es andere Verfahren.
- Kein Ursachenbeweis. Eine Veränderung nach Förderbeginn passt zur Wirkung der Förderung, beweist sie aber nicht. Wie sich die Aussage stärken lässt, steht unter Baseline und Förderphase.
- Keine objektive Messung. Ein Rating ist eine strukturierte Einschätzung. DBR-Werte hängen stärker von der bewertenden Person ab als ausgezählte Beobachtungen (Briesch et al., 2010). Deshalb bewertet möglichst immer dieselbe Person in derselben Situation.
- Kein Ersatz für die Fallberatung. Die Kurve gibt dem Gespräch eine gemeinsame Grundlage. Deuten und entscheiden muss das Team.
Weiterlesen
- Direct Behavior Rating einfach erklärt
- Zielverhalten formulieren, das sich gut bewerten lässt
- Verhaltensbeobachtung im Schulalltag planen
- Baseline und Förderphase verstehen
- Förderwirkung dokumentieren und datenbasiert entscheiden
Literatur
- Briesch, A. M., Chafouleas, S. M., & Riley-Tillman, T. C. (2010). Generalizability and dependability of behavior assessment methods to estimate academic engagement: A comparison of systematic direct observation and Direct Behavior Rating. School Psychology Review, 39(3), 408–421.
- Chafouleas, S. M. (2011). Direct Behavior Rating: A review of the issues and research in its development. Education and Treatment of Children, 34(4), 575–591. https://doi.org/10.1353/etc.2011.0034
- Huber, C., & Grosche, M. (2012). Das response-to-intervention-Modell als Grundlage für einen inklusiven Paradigmenwechsel in der Sonderpädagogik. Zeitschrift für Heilpädagogik, 63(8), 312–322.
- Huber, C., & Rietz, C. (2015). Direct Behavior Rating (DBR) als Methode zur Verhaltensverlaufsdiagnostik in der Schule: Ein systematisches Review von Methodenstudien. Empirische Sonderpädagogik, 7(2), 75–98. https://doi.org/10.25656/01:10819
- Nitz, J., Volpe, R., Hagen, T., Krull, J., Hennemann, T., & Hanisch, C. (2024). The effects of the Daily Behavior Report Cards (DBRC) on the disruptive behavior and specific goal behavior of elementary school children: A multiple baseline design study. Discover Education, 3, 147. https://doi.org/10.1007/s44217-024-00231-6