Direct Behavior Rating: Verhalten kurz und systematisch bewerten

Beim Direct Behavior Rating (DBR) bewertet eine Lehrkraft direkt nach einer Unterrichtsphase auf einer Skala, wie stark ein festgelegtes Verhalten auftrat. Das dauert Sekunden und lässt sich deshalb täglich wiederholen.

Was das Verfahren ausmacht

DBR verbindet zwei klassische Zugänge (Chafouleas, 2011; Christ et al., 2009):

  • Wie bei der systematischen Verhaltensbeobachtung wird ein klar definiertes Verhalten zeitnah und dort erfasst, wo es auftritt.
  • Wie bei einem Beurteilungsbogen wird nicht gezählt, sondern auf einer Skala eingeschätzt.

Das Ergebnis ist weniger genau als eine Strichliste geschulter Beobachter:innen, aber so wenig aufwendig, dass genug Messpunkte für einen Verlauf zusammenkommen (Huber & Rietz, 2015).

Ein Beispiel

Zielverhalten: Arbeitet aktiv mit. Dazu zählt: schreibt oder rechnet an der Aufgabe, liest die Aufgabenstellung, fragt zur Sache nach, hört bei Erklärungen zu. Nicht dazu zählt: mit Material spielen, aus dem Fenster schauen, über anderes reden.

Bewertung: Nach jeder Stillarbeitsphase schätzt die Lehrkraft, wie viel der Zeit das zutraf, auf einer Skala von 0 (nie) bis 10 (die ganze Zeit). Heute wählt sie 4, also etwa 40 Prozent der Phase.

Screenshot von Lens am Handy: Bewertung „Arbeitet aktiv mit“ mit Schieberegler von 0 (nie) bis 10 (die ganze Zeit), eingestellt ist die 4.
Dieselbe Bewertung in Lens. Beispieldaten.

Ein einzelner Wert sagt wenig. Erst mehrere vergleichbare Werte zeigen, ob sich ein Muster bildet.

Einzelitem oder mehrere Items

  • Einzelitem (DBR-SIS): ein globales Verhalten, eine Bewertung. Am besten untersucht sind drei Bereiche: aktive Mitarbeit, störendes Verhalten und respektvolles Verhalten (Chafouleas, 2011; Huber & Rietz, 2015).
  • Mehrfachitem (DBR-MIS): Ein Bereich wird über mehrere konkrete Items erfasst, etwa „meldet sich“ und „bleibt bei der Aufgabe“. Das liefert stabilere Werte, kostet aber mehr Zeit pro Bewertung (Volpe & Briesch, 2012).

Im Schulalltag ist ein gut definiertes Einzelitem pro Ziel meist der realistische Weg.

Welche Skala?

Zwischen 6-, 10- und 14-stufigen Skalen fand die Forschung kaum Unterschiede in der Messgüte; empfohlen werden mindestens sechs Stufen (Christ et al., 2009; Huber & Rietz, 2015). Verbreitet ist eine Skala von 0 bis 10, die den Anteil der Beobachtungszeit abbildet (Chafouleas, 2011). Ihr Vorteil: Die Endpunkte sind eindeutig, und eine 5 bedeutet für alle ungefähr dasselbe, nämlich die Hälfte der Zeit.

Achte auf die Richtung: Bei aktiver Mitarbeit ist ein hoher Wert gut, bei störendem Verhalten ein niedriger.

Wann DBR-Daten tragfähig sind

  1. Eine Person, eine Reihe. DBR-Werte hängen deutlich stärker von der bewertenden Person ab als ausgezählte Beobachtungen (Briesch et al., 2010). Werte verschiedener Personen deshalb getrennt auswerten, nicht mitteln (Chafouleas et al., 2010).
  2. Kurz üben. Eine kurze Einführung mit Übungsbeispielen und Rückmeldung verbessert die Genauigkeit (Schlientz et al., 2009). Ein deutlich längeres Training brachte in einer weiteren Studie keinen Zusatznutzen (LeBel et al., 2010).
  3. Genug Werte sammeln. Etwa fünf Bewertungen ergeben einen brauchbaren ersten Wert. Für folgenreiche Entscheidungen empfehlen Studien deutlich mehr, je nach Verhalten bis zu 20 (Huber & Rietz, 2015).
  4. Ganze Phasen bewerten. Längere Beobachtungsabschnitte werden verlässlicher eingeschätzt als kurze Ausschnitte (Huber & Rietz, 2015).

Wofür DBR gedacht ist

DBR wurde vor allem für Verlaufsfragen entwickelt: Verändert sich das Verhalten unter einer Förderung? Für eine Statusaussage wie „Ist dieses Verhalten auffällig?“ reichen wenige Ratings nicht aus (Huber & Rietz, 2015). DBR wurde zwar auch als Screening-Verfahren untersucht (Kilgus et al., 2014), ersetzt aber keine umfassende Diagnostik (Huber, 2021).

Zu internalisierendem Verhalten wie Ängstlichkeit lagen im Review von Huber und Rietz (2015) noch keine Studien vor. Die Befundlage ist hier bis heute dünner als für Mitarbeit und Störverhalten.

Häufige Fehler

  • zwei Verhaltensweisen in einem Item („ruhig und konzentriert“)
  • an Tagen bewerten, an denen das Verhalten gar nicht auftreten konnte
  • Bewertungen am Nachmittag aus der Erinnerung nachtragen
  • Werte mehrerer Personen zu einem Mittelwert verrechnen
  • bei mehreren Zielen die Skalenrichtung verwechseln

Weiterlesen

Literatur

  • Briesch, A. M., Chafouleas, S. M., & Riley-Tillman, T. C. (2010). Generalizability and dependability of behavior assessment methods to estimate academic engagement: A comparison of systematic direct observation and Direct Behavior Rating. School Psychology Review, 39(3), 408–421.
  • Chafouleas, S. M. (2011). Direct Behavior Rating: A review of the issues and research in its development. Education and Treatment of Children, 34(4), 575–591. https://doi.org/10.1353/etc.2011.0034
  • Chafouleas, S. M., Briesch, A. M., Riley-Tillman, T. C., Christ, T. J., Black, A. C., & Kilgus, S. P. (2010). An investigation of the generalizability and dependability of Direct Behavior Rating Single Item Scales (DBR-SIS) to measure academic engagement and disruptive behavior of middle school students. Journal of School Psychology, 48(3), 219–246. https://doi.org/10.1016/j.jsp.2010.02.001
  • Christ, T. J., Riley-Tillman, T. C., & Chafouleas, S. M. (2009). Foundation for the development and use of Direct Behavior Rating (DBR) to assess and evaluate student behavior. Assessment for Effective Intervention, 34(4), 201–213.
  • Huber, C. (2021). Verhaltensverlaufsdiagnostik durch Direct Behavior Rating. In K. Seifried, S. Drewes & M. Hasselhorn (Hrsg.), Handbuch Schulpsychologie: Psychologie für die Schule (S. 138–148). Kohlhammer.
  • Huber, C., & Rietz, C. (2015). Direct Behavior Rating (DBR) als Methode zur Verhaltensverlaufsdiagnostik in der Schule: Ein systematisches Review von Methodenstudien. Empirische Sonderpädagogik, 7(2), 75–98. https://doi.org/10.25656/01:10819
  • Kilgus, S. P., Riley-Tillman, T. C., Chafouleas, S. M., Christ, T. J., & Welsh, M. E. (2014). Direct behavior rating as a school-based behavior universal screener: Replication across sites. Journal of School Psychology, 52(1), 63–82.
  • LeBel, T. J., Kilgus, S. P., Briesch, A. M., & Chafouleas, S. M. (2010). The impact of training on the accuracy of teacher-completed Direct Behavior Ratings (DBRs). Journal of Positive Behavior Interventions, 12(1), 55–63.
  • Schlientz, M. D., Riley-Tillman, T. C., Briesch, A. M., Walcott, C. M., & Chafouleas, S. M. (2009). The impact of training on the accuracy of Direct Behavior Ratings (DBR). School Psychology Quarterly, 24(2), 73–83. https://doi.org/10.1037/a0016255
  • Volpe, R. J., & Briesch, A. M. (2012). Generalizability and dependability of single-item and multiple-item direct behavior rating scales for engagement and disruptive behavior. School Psychology Review, 41(3), 246–261.

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