Zielverhalten formulieren, das sich gut bewerten lässt

Ein gutes Zielverhalten ist konkret genug, dass zwei Personen dasselbe darunter verstehen, und breit genug, dass es sich in jeder passenden Unterrichtsphase bewerten lässt.

Beobachtbar heißt nicht kleinteilig

Begriffe wie „unmotiviert“ oder „aggressiv“ sind Deutungen und gehören nicht in ein Zielverhalten. Der Gegenreflex, alles in winzige Einzelhandlungen zu zerlegen, hilft beim Direct Behavior Rating aber auch nicht. In Studien wurden global formulierte Ziele wie „arbeitet aktiv mit“ genauer und übereinstimmender bewertet als eng gefasste wie „hebt die Hand“ oder „sitzt angemessen“ (Christ et al., 2011; Riley-Tillman et al., 2009; Überblick bei Huber & Rietz, 2015).

Der Weg dazwischen: eine Verhaltensklasse benennen und sie mit Beispielen und Nicht-Beispielen greifbar machen.

Die Formel

Verhaltensklasse + Situation + 3 bis 5 Beispiele + 2 bis 3 Nicht-Beispiele

Arbeitet aktiv mit in Stillarbeitsphasen (Mathe, Deutsch).

Dazu zählt: schreibt oder rechnet an der Aufgabe, nutzt das Material zur Aufgabe, liest die Aufgabenstellung, fragt zur Aufgabe nach.

Nicht dazu zählt: blättert ziellos, spielt mit Stiften, unterhält sich über anderes, sitzt da, ohne anzufangen.

Positiv oder negativ formulieren?

Beschreibe erwünschtes Verhalten positiv: „arbeitet aktiv mit“ statt „ist nicht abgelenkt“. Das zeigt allen die Richtung und lässt sich mit dem Kind als Ziel besprechen.

Bei störendem Verhalten darf die Formulierung negativ bleiben. Studien fanden für „stört den Unterricht“ genauere Bewertungen als für die positive Umkehrung, für aktive Mitarbeit dagegen bei positiver Formulierung (Chafouleas et al., 2013; Riley-Tillman et al., 2009). Wenn beides wichtig ist, erfasse es als zwei Ziele.

Sechs Umformulierungen

UnscharfBesser bewertbarWarum
Ist unkonzentriertArbeitet aktiv mit (Beispiele und Nicht-Beispiele wie oben)Deutung durch eine Verhaltensklasse ersetzt
Stört ständigStört den Unterricht. Beispiele: ruft rein, macht Geräusche, verlässt ohne Erlaubnis den PlatzNegativ formuliert, weil so genauer bewertbar
Ist frechVerhält sich respektlos gegenüber Erwachsenen und Mitschüler:innen. Beispiele: beleidigt, widerspricht mit abwertendem Ton, verdreht bei Ansprache die AugenDeutung durch Beispiele gefüllt; für diesen Bereich wird die negative Formulierung empfohlen (Chafouleas et al., 2013)
Ist ruhig und konzentriertZwei Ziele: „Arbeitet aktiv mit“ und „Stört den Unterricht“Ein Ziel, eine Dimension
Hält sich nicht an RegelnMeldet sich vor Redebeiträgen (Klassenregel)Allgemeine Regel auf die relevante Regel zugespitzt
Fängt nicht anBeginnt innerhalb von zwei Minuten mit der Aufgabe, erfasst als Ja/Nein pro PhaseEin einmaliges Ereignis passt nicht zu einer Anteilsskala

Vier Prüffragen

  1. Kamera-Test: Würde eine Videoaufnahme zeigen, ob das Verhalten auftrat?
  2. Schlaf-Test: Könnte ein schlafendes Kind das Ziel erfüllen? „Stört nicht“ fällt durch, „stört den Unterricht“ besteht. In der Verhaltensanalyse heißt das Dead-Man-Test.
  3. Zwei-Personen-Test: Würden zwei Kolleg:innen nach derselben Phase ungefähr dieselbe Zahl wählen? Probiert es zwei- bis dreimal gemeinsam aus.
  4. Eine Dimension: Beschreibt das Ziel genau eine Verhaltensklasse?

Ziel und Erfassungsart passen zusammen

  • Eine Verhaltensklasse über eine ganze Phase: Anteil der Zeit, Skala 0 bis 10 (Direct Behavior Rating).
  • Ein einmaliges Ereignis pro Phase, etwa anfangen oder Material dabeihaben: Ja/Nein.
  • Ein seltenes, klar abgrenzbares Ereignis, etwa Schlagen: zählen.

Nächster Schritt

Bewerte das neue Ziel einige Tage zur Probe, bevor die Baseline zählt. Wenn du beim Bewerten oft zögerst, liegt das meist an den Beispielen: Ergänze sie, bis die Entscheidung leichtfällt.

Weiterlesen

Literatur

  • Chafouleas, S. M., Jaffery, R., Riley-Tillman, T. C., Christ, T. J., & Sen, R. (2013). The impact of target, wording, and duration on rating accuracy for Direct Behavior Rating. Assessment for Effective Intervention, 39(1), 39–53.
  • Christ, T. J., Riley-Tillman, T. C., Chafouleas, S. M., & Jaffery, R. (2011). Direct Behavior Rating: An evaluation of alternate definitions to assess classroom behaviors. School Psychology Review, 40(2), 181–199.
  • Huber, C., & Rietz, C. (2015). Direct Behavior Rating (DBR) als Methode zur Verhaltensverlaufsdiagnostik in der Schule: Ein systematisches Review von Methodenstudien. Empirische Sonderpädagogik, 7(2), 75–98. https://doi.org/10.25656/01:10819
  • Riley-Tillman, T. C., Chafouleas, S. M., Christ, T. J., Briesch, A. M., & LeBel, T. J. (2009). The impact of item wording and behavioral specificity on the accuracy of Direct Behavior Ratings (DBRs). School Psychology Quarterly, 24, 1–12.

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